Reichserntedank und christlicher Erntedank

Das NS-Regime vereinnahmte das christliche Erntedankfest für seine Zwecke. Der Rückgriff auf tiefverwurzeltes Brauchtum sollte zur Legitimierung des Regimes vor der eigenen Bevölkerung beitragen.

Großer Tisch mit Erntegaben unter dem Hakenkreuz, 1933

Der NS-Erntealtar stand am Ende des Mittelwegs mitten vor der Ehrentribüne.

Rosenfeld, Deutsches Erntedankfest 1933, S. 32

Durch die Koppelung an Altbekanntes wurde die NS-Veranstaltung für viele akzeptabel. Christlich geprägte Besucher – und das war die überwiegende Mehrheit – sahen das Fest im Lichte der Tradition und nahmen die Botschaft von Blut und Boden gedankenlos oder auch spöttisch zur Kenntnis.

In Wahrheit dachte das NS-Regime an eine radikale Abkehr vom Christentum. Reichsbauernführer Walter Darré wollte das kirchliche Fest auf seine angeblich germanischen Grundlagen „zurückführen“ und ein neues artgemäßes Brauchtum mit der Blut-und-Boden-Ideologie verbinden.

Von der Veranstaltung auf dem Bückeberg selbst waren die Kirchen ausgeschlossen. Die Organisationsleitung gestattete ihnen „kurze gottesdienstliche Morgenfeiern“ in der Nähe der Bahnhöfe.   

Nur 1933 hatte das Programm noch Rücksicht auf die religiösen Gefühle der Teilnehmer genommen. Nach Abschluss der Militärübung wurde von den Teilnehmern – mit ausgestrecktem rechtem Arm – das Kirchenlied „Nun danket alle Gott“ gesungen. Und auf den abschließenden Großen Zapfenstreich folgte ein Gebet. Beides entfiel in den folgenden Jahren.

Die evangelische Landeskirche von Hannover, auf deren Gebiet das Reichserntedankfest stattfand, nahm die Vereinnahmung des Erntedanks durch die Nationalsozialisten kritiklos hin. Im Gegenteil hieß es im Aufruf des Landeskirchenamts zum 1. Oktober 1933:

„Diese Feier des Dankes gegen den Schöpfer gibt der Kirche Gelegenheit zum Hinweis auf den Gehorsam gegen die göttliche Schöpfungsordnung, wie er uns besonders durch die Gedankenwelt des Nationalsozialismus in neuer Klarheit nahegebracht ist.“ (Deister- und Weserzeitung Hameln vom 26.9.1933.)

Noch weiter ging ein Pastor Knop. Er schrieb in der Deister- und Weserzeitung vom 1. Oktober 1933 einen Beitrag unter dem Titel „Erntekrone und Christuskreuz“. Darin feierte er den „Aufbruch unseres Volkes unter der Führung eines uns von Gott geschenkten Mannes“. Neben „Blut“ und „Rasse“ seien der heimatliche Boden und die Arbeit des Menschen auf ihm die „gott- und naturgegebenen Grundlagen eines Volkes“.

Dass die Veranstalter die Kirchen vom Fest selbst ausschlossen, hatte Gründe, versuchten sie doch den Nationalsozialismus als eine Art von neuer Religion zu inszenieren.

Die „Liturgie“ des Reichserntedankfestes zeigt eine Nähe zu kirchlichen Feiern. Das Szenarium erinnert an große Kirchenräume. Die Regie nutzt religiöse Begriffe wie „Altar“, „Predigt“ „Führerkanzel“ und „Bekenntnis“, um der Veranstaltung eine sakrale Aura zu geben. Der Einbecker Heimatbeobachter spricht 1940 vom Bückeberg als einem „Ort des Glaubens“, an dem Hitler zu „den gläubigen Massen“ gesprochen habe.

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