Die Teilnehmer

Hunderttausende am Bückeberg

ePublikum Gesichter

Menschenmenge am Bückeberg, undatiert (vermutlich1935)

Historisches Museum Hannover, Bildarchiv, Fotograf: Hans Pusen

Für den Besuch des Reichserntedankfests ließen sich Hunderttausende mobilisieren, mit jährlich steigender Tendenz.

Legt man vier Personen pro Quadratmeter zugrunde, so konnten auf dem Kundgebungsplatz in den beiden Anfangsjahren dicht gedrängt 400.000 Menschen stehen, nach der Verbreiterung des Platzes im Jahre 1935 bis zu 600.000. Nicht wenige Besucher hielten sich auch außerhalb des Platzes auf.

Als deutlich übertrieben sind jedoch die offiziellen Zahlen des Propagandaministeriums anzusehen:

1933:    500.000
1934:    700.000
1935: 1.000.000
1936: 1.000.000
1937: 1.200.000
 
Parkplatz

Großer Bus- und Pkw-Parkplatz bei Voremberg, undatiert (vermutlich 1933)

Sammlung Gelderblom, aus Privatbesitz

Für die auf Popularität und Erfolg fixierte NS-Diktatur hätte bereits Stagnation Rückschritt bedeutet. Nur 1936 vermeldete die zensierte Presse keine Steigerung, da vermutlich nicht zu übersehen war, dass wegen regnerischen Wetters weniger Besucher gekommen waren.

Auch wenn die offiziellen Zahlen zu hoch gegriffen sind, ist von einer gigantischen Massenveranstaltung mit wachsender Teilnehmerzahl auszugehen.

 

 

Eindrücke von Zeitzeugen

Aussagen von Zeitzeugen über das Reichserntedankfest lassen sehr unterschiedliche Eindrücke und Einstellungen erkennen. Sie reichen von absoluter Begeisterung über Distanz bis zur Ablehnung und der Ahnung darum, welch gefährlich suggestive Kraft ein solches Propagandaspektakel entfalten kann. Äußerungen der vom Regime Ausgeschlossenen zum Reichserntedankfest sind nicht bekannt.
 
 
Begeisterte
 
"Ich werde es nie vergessen! Erntedankfest 1935 auf dem Bückeberg! …
Wir stehen! Stehen am Weg zur oberen Tribüne. Der Führer muß an uns vorbei! Die Uhr zeigt sieben. So früh noch, und – erst am Mittag soll er kommen! Lange Zeit. Lang genug, um sich auf den Augenblick vorzubereiten! Und – stürmt nicht schon das Blut schneller durch die Adern?
Die Sonne steigt! Wolken verdecken sie noch, aber sie steigt! Langsam wälzen sich von allen Seiten Menschenströme heran; langsam, ohne Ende. Unsere Augen suchen mit dem Glase den Horizont ab: Menschen – Menschen." (Anonymer Verfasser)
 
"Wenn er an dir vorbeigeht, ist es, als wenn Jesus einen anguckt." (Eine Bäuerin aus dem evangelisch geprägten Schaumburger Land)
 
"Christus ist zu uns gekommen durch Adolf Hitler!" (Ein thüringischer Kirchenrat)
 
 
Ein intellektueller Nationalsozialis
 
"Nun begab sich der Führer zur Rednerbühne und sprach wie im Vorjahre … etwa ¾ Std. nach Manuskript, wirksam wie immer, wenn auch ohne wesentlich neue Gedanken und Formulierungen und auch ohne engere Beziehung zum Anlaß des Tages; von Dank und Ernte war im Grund wenig die Rede.
Unvergeßlicher als des Führers Worte prägte sich sein Bild der Seele ein: das von Menschen gefüllte Riesenrund vor die liebliche deutsche Landschaft gestellt – es war, als ob Himmel und Erde zusammenstrebten in diesem einen Punkte und diesem einzigen Manne, das altdeutsche Thing lebt wieder auf in diesen Volksmassenversammlungen unter freiem Himmel." (Georg S., Mitte 30, Beamter aus Hannover, 1934, Niedersächsisches Landesarchiv Hannover)
 
 
Ein unpolitischer Jugendlicher
 
"Mein Vater schrieb in sein Tagebuch: „Stimmung nicht besonders“, während ich durch eine solche Massenkundgebung mit dem Führer beeindruckt war und mich darüber freute, so günstige Gelegenheit zum Photographieren gehabt zu haben." (Der 17 Jahre alte Ulrich Sahm, der mit seinem Vater – Oberbürgermeister der Reichshauptstadt Berlin – in nächster Nähe zu Hitler auf der Ehrentribüne saß; hier eventuell ein Papierfoto, das er auf der Tribüne gemacht hat [nicht in Bilderordner])
 
 
„Zaungäste“
 
"Jedenfalls zwischen dieses Menschengedränge wollen wir uns nicht stellen, sondern nehmen hinter der fast 20 Meter hohen Redner-Tribüne Platz. Von dort können wir alles gut übersehen." (Der fast 50 Jahre alte Kaufmann Carl Krüger aus der Stadt Bückeburg)
"Und dann begann das Fest. Die Strassen waren schwarz von Menschen; ich verglich es immer mit einem langsam sich dahin wälzenden „Lindwurm. … [Nach dem Ende des Festes:] Der Lindwurm setzte sich wieder rückwärts in Bewegung und wer dazwischen kam, kam nicht wieder raus, so ein Onkel von mir, der nach Hameln wollte. Er wurde erst in Hilligsfeld wieder befreit." (Die damals 8 Jahre alte Maria Nelde aus Hagenohsen 2010 im Interview)
 
 
Neutrale Besucher aus dem Ausland
 
"Ungeheure Spannung und Erwartung erfüllten die Menschen, die auf das Eintreffen Hitlers und seines Gefolges warteten. Als fern unten in der Ebene die Autokolonne herannahte, wehte wie ein Orkan das von abertausenden Stimmen ununterbrochen gerufene „Heil!“ vom Berghang herab, diesem Manne entgegen, der es verstanden hatte, das deutsche Volk in seinen Bann zu schlagen.
Nun hielt er von der unteren Tribüne aus eine Rede, die im Begeisterungsrausch der Massen endete. Anschliessend stieg er mit seiner engeren Umgebung den freigehaltene Mittelgang hinauf. Aber er kam nur langsam vorwärts. Zu beiden Seiten standen die Bäuerinnen in ihren schmucke Trachten aus Bückeburg, aus dem Weserbergland, aus dem Westfälischen, und alle drängten auf ihn zu, um ihn zu sehen, um ihm die Hand zu drücken und um in seine blauen Augen zu schauen. Strahlendes Lächeln war auf seinem Antlitz, und plötzlich stand er vor mir, keinen Meter weit, und sah mir sekundenlang in die Augen. Er übte unbestritten eine starke Wirkung aus. Die Begeisterung der Tausende, die ohne Pause „Heil“ riefen, steigerte jeden einzelnen in einen Rausch hinein, und das erhöhte noch die Wirkung, welche die Persönlichkeit dieses Mannes ausübte. Überall griff er nach Händen, die sich ihm in dichter Fülle entgegenstreckten, streichelte Wangen und strich über Haare." (Der Schweizer Journalist Konrad Warner)
 
 
Ein Skeptiker
 
"Wenn im Herbst auf dem Bückeberg das Erntedankfest war, dann strömten sie herbei von nah und fern, standen an den Straßen und schrien "Sieg Heil" und "Heil Hitler".
Ich bin dann in meinen Garten gegangen und habe Äpfel gepflückt.
Wenn sie zurückkamen, hatten sie ihren Herrn gesehen, um eck harre meine Appels in‘n Korbe!" (Werner Düwel, Coppenbrügge)
 
 
Distanzierte
 
"Da gingen wir nicht hin!" (Der Sohn eines Landarbeiters aus dem Emmerthaler Ortsteil Kirchohsen)
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